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Sänger sind Propheten


Eine Reise nach Baden bei Wien. Dietrich Fischer-Dieskau hat seine Mitwirkung an einer Meisterklasse zugesagt, in der vielversprechende junge Musiker zur gesanglichen Interpretation des klassisch-romantischen "Deutschen Liedes" befähigt werden sollen. Ein Interview mit dem Meister der Liedkunst ist geplant, doch Dieskau erkrankt und muss absagen. Dennoch kann Berend van der Wiel aus Baden bei Wien vieles berichten, denn was dort im Rahmen der alle zwei Jahre stattfindenden Meisterklasse geschieht, verdient unsere volle Aufmerksamkeit.

In Baden, sechzehn Kilometer südlich der österreichischen Hauptstadt, steht das neoklassizistische "Haus der Kunst". Hier residiert das Franz Schubert-Institut. Dr. Max Deen Larsen veranstaltete hier 1978 die erste der alle zwei Jahre stattfindenden Meisterklassen für Musiker, welche sich von der Schönheit der Deutschen romantischen Liedkunst in den Bann gezogen fühlen. Ein geeigneterer Ort ist kaum vorstellbar. Dies wird schon klar, als sechsundzwanzig junge Damen und Herren, die sich hier im Juni in Gesangskunst und Klavierspiel vertiefen wollen, einen Spaziergang durch die Stadt und deren Umgebung machen, um sie besser kennenzulernen.

Musikvergangenheit zum Anfassen

Dem "Haus der Kunst" gegenüber steht - unmittelbar neben der Musikschule - großartig und monumental die alte Pfarrkirche, welche schon jahrhundertelang die Silhouette der Stadt prägt. Mozart komponierte für den Kantor dieser Kirche in seinem letzten Lebensjahr das "Ave Verum Corpus". Es ist etwas Besonderes, wenn die musikalische Gesellschaft diese Geschichte auf einem Gedenkstein liest, welche sich in der Kirche befindet. Die Musik schein von fernher zu kommen, nur leise erklingen einige suchende Stimmen und dann, auf einmal, ist die Musik da, und die Menschen auf der Straße blicken zum Kirchenportal auf, als Mozarts Motette die Vorübergehenden in stille Zuhörer verwandelt. In und um Baden kann man die reiche Musikvergangenheit gleichsam anfassen. Wenn man am Haus vorübergeht, in dem Beethoven an seiner "Neunten" arbeitete, gelangt man auf einen alten Waldweg, der Baden mit Wien verbindet. Auf Beethovens Spuren wirkt jene Umgebung auf den Besucher ein, die auch Schubert zu seiner Musik inspirierte. Der Pfad führt an einem Bach entlang, und wenn man plötzlich einer gewaltigen Felswand gegenübersteht, dann weiß man, dass Rellstabs "Rauschender Strom, brausender Wald, Starrender Fels mein Aufenthalt" nirgendwo so klingen wird wie hier. Denn hier, in dieser Umgebung, kann man gleichsam den Ursprung des Deutschen Liedes erleben.

Eine verlorengegangene Harmonie

"Eine inspirierendere Umgebung um sich in die Welt des Deutschen Liedes zu vertiefen ist kaum denkbar", sagte der zum Österreicher naturalisierte Amerikaner Deen Larsen. Er widmete einen Großteil seines Lebens der deutschen Literatur und namentlich den Dichtern aus dem klassisch-romantischen Zeitraum, die so viele Komponisten zum Gestalten von Liedern mit Klavierbegleitung inspiriert haben. Deen Larsen zeigt eine außergewöhnliche Empfindsamkeit für die geistige Verfassung, die aus den vielen Liedtexten spricht. Seine Interpretation der Gedichte macht klar, dass viele Dichter aus dem neunzehnten Jahrhundert die harmonische Einheit von Gott, Natur und Menschenwelt als tatsächliche Realität erfahren haben. Er betrachtet diese authentisch romantische Empfindung der Wirklichkeit als wesentliche menschliche Qualität, welche in unserer Zeit in Vergessenheit geraten ist.


Eine durch das ursprüngliche Verständnis des Deutschen Liedes inspirierte Aufführung kann uns diese verlorengegangene Harmonie wiedererkennbar machen. Besinnung auf dasjenige, was diese Gedichte und Lieder zutiefst bestimmt hat und was daher auch eine authentische Interpretation und einen authentischen Vortrag ermöglicht. Dieses Streben stellt für Dr. Larsen den Keim dar von allem, was in den Meisterklassen geschieht.

Hingabe und Begeisterung

Alle zwei Jahre versammeln sich im Juli einige der großen Künstler des Deutschen Liedes in Baden bei Wien. Das Programmangebot weist schon mehr als zwanzig Jahre berühmte Namen auf wie Elly Ameling, Jörg Demus, Dietrich Fischer Dieskau, Ernst Haeflinger, Brigitte Fassbaender, Hans Hotter, Robert Holl, Wolfgang Holzmair, Martin Isepp, Robert Tear, Rudolf Jansen und noch viele andere mehr. Aus ihrer Hingabe und Begeisterung heraus, welche sie zu den maßgeblichsten Interpreten de Liedes gemacht haben, tragen sie auf individuellste Art und Weise dazu bei, ihre jeweilige Erfahrung an eine junge Generation begabter Liedinterpreten aus vielen Teilen der Welt zu übertragen. Jeder Arbeitstag beginnt um neun Uhr mit einer "poetry class" unter der Leitung von Dr. Larsen. Er liest, liest abermals und liest 'aufs neue' Gedichte, indem er auf der Suche ist nach deren Ursprüngen im Leben des Dichters und in seiner Welt; zum Beispiel in Goethes "Wanderers Nachtlied":

Über allen Gipfeln
ist Ruh
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch
Die Vögelein schweigen im Walde
Warte Nur! Balde
Ruhest du auch

Das Gedicht wird zunächst gelesen. Nach dem Lesen fragt Dr. Larsen: "Gibt es jemanden, der zu diesem Gedicht etwas sagen möchte ?" Zunächst Schweigen, dann eine zaghafte Bemerkung, und allmählich gehen Worte und Textfragmente von Mund zu Mund, und durch diesen Prozess des zunächst assoziativen Erkundens kommen Fragen und Antworten wie von selbst zum Vorschein. "Wovon handelt dieses Gedicht ? Gibt es eine tiefere Bedeutung ? Welche seelische Verfassung geht aus diesem Gedicht hervor ? Was empfindet man, wenn man es liest ? Warum sind die Zeilen eins und zwei nicht zusammengefügt worden und warum ist das bei den Zeilen vier und fünf ebenfalls nicht erfolgt ? Ist das "Du" in der vierten Zeile identisch mit dem "Du" in der Schlusszeile ? Warum ist "Balde" kein Teil der Schlusszeile ? Ist das Gedicht eine Eitelkeitsbespiegelung oder ist hier die Rede von einer liebevoll-mystischen Verbindung von Leben und Tod ? Allmählich lenkt Deen Larsen seine Kursteilnehmer auf den Kern, auf den Quell dieses Gedichtes. Ein großartiges Erlebnis. Während einer Besprechung der Poesie Eichendorffs über die religiöse Empfindung des Dichters schweigt Larsen kurz und sagt dann: "Ein Sänger ist ein Prophet". Dies ist fürwahr keine alltägliche und auch keine modernistische Bemerkung. Ein Prophet ist ein von Gott Gesandter; jemand, der von einer essentiellen Wahrheit inspiriert ist und eine lebenswichtige Botschaft mit sich führt. Diese ernste Hingabe und diese Offenheit, mit der Deen Larsen dies äußert, verfehlt ihr Ziel nicht.


Eine ideale Künstlergemeinschaft

Larsens "poetry class", die Gesangs- und Klavierstunden, die Kurse für Teilnehmer, welche ihre Aussprache des Deutschen verfeinern wollen, die Zusammenkünfte, in denen die Darbietungen auf der Bühne besprochen werden, all diese Aktivitäten zeichnen das Bild einer idealen Künstlergemeinschaft. Es ist oft die Rede von einer tatsächlichen Begegnung zwischen den verschiedenen Bewohnern des "Hauses der Kunst". Wer (wenn auch nur für eine kurze Zeit) nicht musiziert oder das Wort führt, ist anwesend als innerlich mittönender Zuhörer oder als aufmerksamer Leser, der, stillschweigend oder indem er leise vor sich hinflüstert oder singt, ein Gedicht oder einen Text zum Leben erweckt. Hier zeigt sich ein verantwortungsbewusster Umgang mit Text und musikalischer Komposition. Verantwortungsbewusst bedeutet hier, dass wir der Wirklichkeit der Musikkomposition und des Textes gegenübertreten und dadurch befragbar und erlebbar machen. Dadurch, dass wir auf diese Möglichkeit der Befragbarkeit und Erlebbarkeit vertrauen, machen wir Lied und Gedicht immer wieder aufs neue zu einer Quelle authentischer Antworten. Auf diese Art und Weise steht hier auch nicht unverbindlicher Konsum und Reproduktion einer künstlerischen Schöpfung zur Rede. Verinnerlichung und persönliche Neuschöpfung ist hier die Parole. Darbietung und Interpretation werden im höchstmöglichen Maße authentisch und unmittelbar er-lebt. Besonders letzteres macht diese Meisterklassen so einzigartig.

Musikalische Darbietungen

Es wird hart gearbeitet. Nach der Lyrikklasse von Dr. Larsen wird unter der Leitung eines der namhaftesten Vertreter des Faches an Technik, Interpretation und Darbietung gearbeitet. Am Nachmittag, wenn die Lehrmeister ihre wohlerdiente Ruhe genießen, setzen verschiedene Fach-Pädagogen die Ausbildung des Schüler fort, und abends gibt es wieder Meisterklassen. So geschieht das einen ganzen Monat lang. Aus der Musikschule, welche sich dem "Haus der Kunst" gegenüber befindet, ertönen in den freien Stunden die Klänge von Duos, die sich in ihrer sparsamen Freizeit bestmöglich auf die Begegnungen mit den Meistern des Lieds vorbereiten. Einmal in der Woche ist es jedoch still in und um das "Haus der Kunst". Die Kursteilnehmer verwandeln sich dann in dasjenige, was sie im täglichen Laben sind: auftretende Musiker. Das Monatsprogramm nennt fünf Konzerte. Auf den Programmen stehen die Namen von Schubert, Schumann, Brahms, Wolff, Strauss, Mahler, Berg, Webern und Hindemith. In jedem dieser Konzerte tritt ein Teil der Kursteilnehmer in Konzertsälen in Baden auf. Ein Konzert findet auch außerhalb Badens statt, im Stift Heiligenkreuz, wo Schubert die einzige von ihm komponierte Fuge für Orgel schrieb und ausführte. Im Rahmen von insgesamt vier Konzerten hat jeder einen Beitrag geliefert. Das Schlusskonzert ist jedoch andersartig. In einem sorgfältig zusammengestellten Programm übernehmen alle Duos im Großen Saal des Badener Spielkasinos ein oder zwei Lieder. Was sich in den Meisterklassen - einige Tage vor dem Konzert - an Aussagekraft vermuten ließ, wird zur berührenden Musik im Rahmen des Schlusskonzerts. Die Liedkunst hat ja nie ein großes Publikum gekannt, doch wenn man darüber mit Musikern spricht, wird bei einigen von ihnen etwas Zukunftspessimismus spürbar. Werden zunehmende Vermarktung und Popularisierung das Lied zur Vergangenheit machen ?

Das Franz Schubert Institut in Baden bei Wien verkörpert in allem das Gegenteil zu diesem Pessimismus. In Baden kann man intuitiv die Bedeutung dessen erleben, was Schopenhauer veranlasste zu sagen, dass - wie schon vor der Existenz von uns allen so auch nach der Existenz des Menschen - es Musik geben wird. Das klassisch-romantische Deutsche Lied zeugt davon mit prophetischer Aussagekraft. In Baden bei Wien wird dies alle zwei Jahre einen Monat lang bewiesen !

Berend van der Wiel, aus Vocaal, November 2001 (Übersetzung Rein Korthof)

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